Redebeitrag zum Thema Sexarbeit (Tag der Arbeit)

Im Folgenden unser Redebeitrag, den ihr auf dem Euromayday Ruhr am 4. Mai hören konntet.

In Dortmund ist Sexarbeit und die damit verbundene Repression ein großes Thema. 2011 wurde der Strassenstrich “Hinter Hornbach” in der Ravensburger Straße geschlossen.
Da die Immobilienwerte und das Image der Nordstadt aufgewertet werden sollten, passte eine so stigmatisierte Branche wie die der Sexarbeit natürlich nicht mehr ins Bild.
Legitimiert wurde diese Stadtsäuberung dann damit, dass so ein Fortschritt gegen die Gewalt und Zwangsprostitution in Dortmund erreicht würde.
Vor allem wurden die Sexarbeiter*innen vom Straßenstrich aber in die Illegalität gedrängt und sind umso mehr gewalttätigen Zuhältern und Freiern sowie der Angst immer von der nächsten Polizeistreife mitgenommen zu werden ausgeliefert.
An dieser Stelle wollen wir uns mit Sexarbeit, den unterdrückenden kapitalistischen, sexistischen und rassistischen Verhältnissen beschäftigen und die Parallelen zum Dortmunder Fall aufzeigen.

Wie geht die Gesellschaft mit Sexarbeit um?
Einerseits werden Sexarbeiter*innen gesellschaflich dafür diffarmiert, dass sie ihren Beruf ausüben. Andererseits werden sie aber auch in eine Opferrolle gedrängt und es wird skandalisiert, dass eine Frau in die Situation kommt, ihren Körper verkaufen zu müssen.
Trotz dieser negativen Stigmatisierung wird Sexarbeit von eben dieser Gesellschaft nachgefragt.
Dies entspricht der Logik eines Systems, in dem alle gezwungen sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen, wenn sie nicht über die notwendigen Produktionsmittel verfügen und in dem Frauen überwiegend zu sexuellen Objekten gemacht werden.
Diese Moral gehört also auch zur bürgerlichen Ideologie mit der der Laden am Laufen gehalten wird. Denn sie macht einzelne für die Misere der Gesellschaft verantwortlich und nicht die Gesellschaft selbst.
Da Gewalt gegen und Diffarmierung von Sexarbeiterinnen, in unserer Gesellschaft kein Skandal ist, müssen sie oft ein Doppelleben führen, sich isolieren und sind dieser Gefahr schutzlos ausgesetzt.

Wie wirken sich ökonomische Verhältnisse auf die Sexarbeit aus?
Es gibt kaum einen anderen Beruf, bei dem traditionelle Geschlechterrollen, ökonomische Unausgewogenheiten und die damit verbundenen Machtstrukturen so klar zum Vorschein kommen wie bei der Sexarbeit. Die ökonomische Lage wirkt sich auf die Anzahl der Personen, die den Beruf der Sexarbeit ergreifen aus. Dies zeigt sich am Beispiel Griechenlands: Hier ist der reale Durchschnittslohn von 2011 auf 2012 um 45% gesunken, gleichzeitig stieg die Prostitutionsrate um das 15 fache an. Durch die dardurch steigende Konkurrenz zwischen den Sexarbeiter*innen können Freier, deren finanzieller Rahmen ebenfalls immer beschränkter wird, die Preise drücken.
Sexarbeit lässt sich also nicht getrennt vom ökonomischen Ungleichgewicht denken.

Ist Sexarbeit Lohnarbeit wie jede andere?
Bei der Beantwortung dieser Frage spielt der Arbeitsfetisch der bürgerlichen Gesellschaft eine große Rolle. In diesem entwickelt das Subjekt erst durch seine Arbeit eine Identität. Doch die Sexarbeit eignet sich auf Grund ihrer Stigmatisierung nicht wie andere Berufe zur Stiftung einer positiven Identität.
Und obwohl die rechtliche Gleichstellung der Sexarbeit mit anderen Berufen und das Ende ihrer Negativstigmatisierung anzustreben sind, halten wir es nicht für sinnvoll den Ruf der Sexarbeit zur Identifikationsstiftung zu verbessern. Stattdessen muss der Arbeitsfetisch generell kritisiert werden.

Aber was ist denn mit der Zwangsprostitution und dem Menschenhandel?
Gerade im Diskurs um den Straßenstrich in der Ravensburger Straße wurde Prostitution immer im selben Atemzug mit “Zwangsprostitution” und “Menschenhandel” genannt. Jedoch kann man den Begriff der „Zwangsprostitution“ als falsch bezeichnen, denn wo Menschen zu Sex gezwungen werden, findet immer sexualisierte Gewalt statt und somit keine Prostitution im eigentlichen Sinne.
Der Menschenhandel wird in der öffentlichen Debatte meist auf die Thematik „Frauenhandel“ beschränkt und mit „Zwangsprostitution“ gleichgesetzt, andere Felder wie der „Handel“ mit Menschen im Dienstleistungs- oder Baugewerbe werden ausgeblendet.
Die Diskussion um das Thema „Menschenhandel“ ist durchzogen von einer kriminalisierenden Logik und wird als Problem grenzüberschreitender, organisierter Kriminalität verstanden.
Die Betroffenen bleiben in diesen Diskussionen oft unsichtbar oder werden selbst zu Täter*innen gemacht, die sich im Sinne der Arbeits- und Aufenthatsgesetze strafbar machen.
Legale Wege zur Arbeitsmigration bleiben versperrt. So gilt, für die 2007 in die EU beigetreten Staaten Bulgarien und Rumänien immer noch nicht die volle Arbeitnehmer*innen-Freizügigkeit.
Die Vermischung der Begriffe Prostitution, “Menschenhandel” und Gewalt dient dem Zweck Arbeitsmigration zu verhindern und stärkere Repression gegenüber Sexarbeiter*innen zu legitimieren.
So kommuniziert die Stadt Dortmund auch ganz offen welchen Zweck die Schließung des Staßenstrichs hat, nämlich den der Eindämmung der Migration – vor allem die, der Roma aus Bulgarien und Rumänien.
Wenn Migration und Sexarbeit illegalisiert, Arbeits- und Aufenthaltsbedingungen erschwert werden, macht dies die Sexarbeiter*innen aber verwundbarer und verschärft dadurch die Abhängigkeit und die ausbeuterischen Verhältnisse, denen jede und jeder Lohnarbeiter*in im Kapitalismus ausgesetzt ist.

Wie kann also eine feministische Perspektive auf Sexarbeit aussehen?
Ersteinmal wollen wir den Umgang feministischer Gruppen wie FEMEN oder der Zeitschrift EMMA mit Sexarbeit kritisieren. Sie drängen die Sexarbeiter_innen oft ausschließlich in eine Opferrolle und maßen sich sogar Shoa-Vergleiche an. Ziel dieser Gruppen ist das Verbot der Sexarbeit. In dem sie die Polizei als Beschützerin ansehen, werden die Betroffenen schikaniert.
Da der Staat und seine Beschützer_innen als eine der Ursachen für die herrschende Gesellschaftsordnung zu bewerten sind, kann er nicht als Teil der Lösung gesehen werden.

Wir wollen Sexarbeit nicht bewerten, sondern das Stigma bekämpfen und die Verhältnisse aufzeigen die Sexarbeit erst hervorbringen und diese dann verändern!
Das bedeutet, dass das System als Ganzes angegriffen werden muss : Die kapitalistischen Verhältnisse in denen Menschen zur Lohnarbeit gezwungen werden und auch die Strukturen die Geschlechterhierachien produzieren und Frauen zu Sexobjekten degradieren.
Sexarbeit existiert, weil Geschlechterordnungen, Staat, Nation und Kapital existieren!
Gegen diese muss gekämpft werden, nicht gegen Sexarbeiter_innen.

Die Audiodatei findet ihr da: http://agora.free.de/radio/static/mai.mp3